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Wohnungslos und obdachlos im reichen Deutschland

Immer mehr Menschen in Deutschland verlieren ihr eigenes Dach über dem Kopf und werden wohnungslos. Laut einer Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) waren 2014 demnach 335.000 Menschen ohne festen Wohnsitz. Das entspricht einer Steigerung um ca. 35 Prozent im Vergleich zum Jahr 2010. Und die Situation könnte sich noch erheblich verschärfen. Bis 2018 rechnet die BAGW mit insgesamt 536.000 Wohnungslosen in Deutschland. Das wäre eine Steigerung um ca. 60 Prozent.

In Deutschland gibt es keine bundeseinheitliche Wohnungsnotfall-Berichterstattung auf gesetzlicher Grundlage. Deshalb können aufgrund der schlechten Datenlage nur Schätzungen der Zahl der wohnungslosen und der von Wohnungslosigkeit bedrohten Menschen vorgelegt werden.

Wohnungslosigkeit gehört zu den Phänomenen in Deutschland, über die in der Öffentlichkeit leider nur wenig bekannt ist. Mit wohnungslosen Menschen werden meist ältere, ungepflegt wirkende Männer mit Schnapsflasche auf einer Parkbank assoziiert. Dabei machen auf der Straße lebende Wohnungslose nur einen kleinen Teil aus. Wohnungslose Menschen werden von der Gesellschaft ausgegrenzt und versuchen daher oft, unsichtbar zu bleiben. Dieses Unsichtbarmachen trifft im Besonderen auf wohnungslose Frauen zu, die häufig verdeckt wohnungslos leben und angebotene professionelle Hilfen aus Scham nicht annehmen wollen.

Wohnungslose-bis-2018 Wohnungslos und obdachlos im reichen Deutschland

Was bedeutet „wohnungslos“?

Als wohnungslos gelten Menschen, die über keinen eigenen Wohnsitz verfügen und in Einrichtungen wohnen, in denen die Aufenthaltsdauer begrenzt ist und in denen keine Dauerwohnplätze zur Verfügung stehen, wie z. B. Übergangswohnheime, Asyle und Herbergen. Aber auch Übergangswohnungen fallen in diese Rubrik. Auch Frauen und Kinder, die wegen häuslicher Gewalt ihre Wohnung verlassen haben und kurz- bis mittelfristig in einer Schutzeinrichtung, wie z. B. in Frauenhäusern, beherbergt sind, gelten als wohnungslos.

Wohnungslos sind auch Immigranten/-innen und Asylbewerber/-innen, die in Auffangstellen, Lagern, Heimen oder Herbergen wohnen, bis ihr Aufenthaltsstatus geklärt ist. Ebenfalls zu dieser Gruppe zählen Ausländer/-innen mit befristeter Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis, die in Gastarbeiterquartieren leben.

Eine weitere Gruppe Wohnungsloser sind Menschen, die aus Institutionen wie beispielsweise Gefängnisse, Heilanstalten oder Jugendheimen entlassen werden. Diese Menschen bleiben oft weiter hospitalisiert, da sie häufig keine oder nicht rechtzeitig Vorkehrungen zu ihrer Entlassung getroffen wurden und ihnen zum Zeitpunkt der Entlassung so kein Wohnplatz zur Verfügung steht. Junge Erwachsene fallen zwar nicht mehr unter die Jugendwohlfahrt, bleiben aber oft weiterhin im Heim, weil keine andere Wohnmöglichkeit zur Verfügung steht.

Letztlich gelten auch Menschen, die in Dauereinrichtungen für Wohnungslose wohnen, oder sich in ambulanter Wohnbetreuung in Einzelwohnungen befinden, als wohnungslos.

Zur insgesamt schlechteren Lage trägt der angespannte Wohnungsmarkt bei und die schon vor der Flüchtlingskrise geringe Verfügbarkeit von Sozialwohnungen.

Unterschied zu Obdachlosigkeit

Die Begriffe Obdach- und Wohnungslosigkeit beschreiben nicht dasselbe Phänomen. Obdachlos sind Menschen, die nirgendwo mehr längerfristig unterkommen. Ihr Leben ist vollständig auf die Straße verlagert. Notunterkünfte werden unregelmäßig und nur vorübergehend aufgesucht. Sie übernachten meist in Parks, unter Brücken und manchmal eben in Wärmestuben, Notschlafstellen oder in anderen niederschwelligen Einrichtungen. Umgangssprachlich wird dies oft als „Platte machen“, „schieben“ oder „auf Platte sein“ bezeichnet. Langzeitobdachlose sind heute in den meisten Großstädten präsent. Abfällige Bezeichnungen wie „Penner“ oder die Gleichsetzung mit Bettlern sind im städtischen Alltag weit verbreitet.

Umfrage-Anzahl-Obdachlosen-Wohnumgebung Wohnungslos und obdachlos im reichen Deutschland

Umfrage-Anzahl-Obdachlose Wohnungslos und obdachlos im reichen Deutschland

Versteckte Wohnungslosigkeit

Von versteckter Wohnungslosigkeit wird dann gesprochen, wenn ein Mensch z. B. bei Bekannten oder Freunden lebt, um dem Schicksal des „Auf-der Straße-Leben“ zu entgehen. Man spricht dabei auf von „ungesichertem Wohnen“. Als wichtigste Charakteristika der versteckten Wohnungslosigkeit gelten Unsichtbarkeit und Geheimhaltung der Wohnungsnot. Versteckt Wohnungslose nehmen daher auch keine öffentliche Hilfe in Anspruch und sind so unsichtbar für das System der Wohnungslosenhilfe.

Ursache für Wohnungslosigkeit

Den „typischen“ Wohnungslosen gibt es nicht. Die Wahrscheinlichkeit, wohnungslos zu werden, wird jedoch umso höher, je mehr Risikofaktoren zusammentreffen:

  • besondere Belastungen durch Lebensereignisse wie Trennung, Krankheit, Unfall oder Tod von Angehörigen
  • wirtschaftlich schlechte Ausgangssituationen
  • Verlust der Arbeit
  • erschwerter Zugang zum Bildungssystem und schlechte Startchancen ins Berufsleben
  • Einschränkungen und Belastungen durch Sucht und psychische Erkrankungen
  • akute oder chronische Erkrankungen

Die Zahl der Wohnungslosen nimmt auch zu, weil Wohnraum immer knapper und teurer wird. Nicht nur in den Großstädten, sondern auch in Klein- und Mittelstädten fehlt es an preiswerten, kleinen Wohnungen. Gerade bei diesen gibt es zudem eine besondere Konkurrenzsituation: Nicht mehr nur diejenigen mit geringem Einkommen, sondern auch Singles, die gut verdienen wollen diese Wohnungen. Vor allem Hartz-IV-Empfängern setzen die hohen Mieten wegen der Mietobergrenzen zu. Wird die Mieterhöhung vom Job-Center als nicht angemessen eingestuft, muss der Arbeitslose sie aus eigener Tasche zahlen, oder sich eine neue günstigere Wohnung suchen.

Der Wohnungsverlust ist oft mit materiellen, sozialen und persönlichen Problemen verbunden. Wohnungslosigkeit ist demnach die Folge von sozialer Benachteiligung, von Misserfolgen und Scheitern, Verarmung und Ausgrenzung. Wohnungslose sind also keine homogene Gruppe. So finden sich darunter Menschen aus seit Generationen marginalisierten und benachteiligten Familien genauso wie ehemalige Professoren, Ärzte, Facharbeiter oder Künstler.

Folgen der Wohnungslosigkeit

Menschen in Wohnungsnot haben meist nur wenig Möglichkeiten, den Alltag zu bewältigen, mit Krisen umzugehen und Hilfe in Anspruch zu nehmen. Erschwerend hinzu kommen häufig unverarbeitete Erfahrungen mit Gewalt, sozialer Isolation und Stigmatisierung, die oft bis in Jugend und Kindheit zurückreichen. Also Folge ihrer geschlechtsspezifischen Sozialisation ist die Wohnungslosigkeit von Frauen oft weniger offensichtlich als bei Männern. Frauen versuchen meist ihre Notlage zu kaschieren, indem sie Zwangsgemeinschaften eingehen oder in ungesicherten Wohnverhältnissen leben.

Leben auf der Straße bedeutet Verarmung und soziale Isolation, die Menschen deprimiert. Häufig löst sie eine Flucht aus dem tristen Alltag in Alkohol und andere Drogen aus. Ein Teufelskreis entsteht, wenn die Betroffenen nicht in der Lage sind, die ihnen zustehende Hilfe anzunehmen, wenn das Hilfesystem keine passende Hilfe anbietet, notwendige Hilfe verweigert oder im Einzelfall ungeeignete Hilfe aufgedrängt wird.

Hilfe für Wohnungslose

Nach dem Ordnungsrecht der Bundesländer sind Kommunen gesetzlich dazu verpflichtet unfreiwillig Wohnungslose unterzubringen. Auch Menschen, die vom Verlust der bisherigen Unterkunft bedroht sind, oder eine menschenunwürdige Unterkunft bewohnen, haben einen Anspruch auf Unterbringung.

Erster Ansprechpartner für Wohnungslose ist das Sozialamt, das Wohnungsamt oder das Ordnungsamt. Für Jugendliche gibt es Hilfe beim Jugendamt oder beim kommunalen sozialen Dienst. In vielen Städten gibt es mittlerweile auch spezielle Fachdienste für die Unterbringung von Wohnungslosen.

Die Unterbringung erfolgt dann in aller Regel in Sammelunterkünften. Darüber hinaus gibt es viele weitere Angebote von freien, vor allem kirchlichen Trägern, z. B. der Caritas. Diese Einrichtungen, sowie auch das rote Kreuz bieten oft nicht nur das „traditionelle“ Angebot, wie Übernachtungsheime, Kleiderspenden etc. an, sondern auch speziellere Hilfen wie Beratungs- und Betreuungsstellen sowie betreutes Wohnen.

Grafiken: © Statista

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