Andre Kühnlenz: Kommentar zu einer Freihandelszone EU und Brasilien

Wien – Es kommt Bewegung in die Verhandlung der EU mit den Mercosur-Staaten. Die Länder des gemeinsamen Binnenmarktes Südamerikas (Argentinien, Brasilien, Uruguay, Venezuela und das vorübergehend suspendierte Paraguay) reden schon seit 1999 über ein Freihandelsabkommen. Zu einem Abschluss dürfte es jedoch auch im 14. Jahr nicht kommen. Doch jetzt prescht Brasilien voran und deutet vage einen Alleingang an. Ein solcher Schritt würde zwar auf den ersten Blick den politischen und ökonomischen Ambitionen in Südamerika widersprechen. Auf den zweiten Blick bietet er mehr als ein Vorteil.

Ohnehin schwindet die Bedeutung des Mercosur-Binnenmarktes für Brasilien. Er steht nur noch für ein Zehntel des Außenhandels. Dafür werden die EU und China immer wichtiger. Zugleich kämpft das Land gegen eine Wirtschaftsschwäche und die Mittelschicht rebelliert gegen Korruption und Misswirtschaft. 2012 wuchs die Wirtschaftsleistung nurnoch um 0,9 Prozent. Raten von fünf oder sechs Prozent, wie kurz vorder Finanzkrise, scheinen in weiter Ferne. Wie so viele Schwellenländer muss Brasilien zudem verkraften, wie derzeit Investoren aus aller Welt sich aus dem Land zurückziehen.

Auf der anderen Seite rüsten sich Chile, Costa Rica, Peru, Kolumbien und Mexiko mit einer Handelszone gegen den Abschwung in China. Viele dieser Länder hatten über Jahre vom Rohstoffhunger der Volksrepublik profitiert – der lässt jetzt aber nach. Der Staatenblock, als Pazifische Allianz bekannt, exportierte allein im Jahr 2010 rund 60 Prozent mehr in die Welt als der Mercosur.

Wenn Brasilien also die Vor- und Nachteile eines freieren Handels mit der EU abwägt, wird sich das Land einer Sache bewusst sein: Es ist kaum absehbar, wie ein Staatenbund mit Argentinien und Venezuela sich in naher Zukunft mit der EU auf einen Pakt einigen kann. Dazu ist hier in den vergangenen Jahren viel zu viel Porzellan zerschlagen worden. Gleichwohl müssen Europäer und Brasilianer noch zu erheblichen Zugeständnissen bereit sein. Europa müsste seinen Agrarsektor öffnen und bekäme dafür freieren Zugang zu Brasiliens Märkten für Industriegüter und Dienstleistungen. Das sind Chancen, die sich das rezessionsgeplagte Europa nicht entgehen lassen sollte. Die Alternative wäre, dass sich Brasilien noch stärker im Außenhandel an China bindet.

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