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Kommentar: Leitzinsanhebung in der Türkei nur eine Atempause

Operation gelungen, Patient (noch) am Leben. So könnte man die Leitzinserhöhung der türkischen Nationalbank und die Marktreaktion zusammenfassen. Die Währungshüter haben es geschafft, die Märkte mit der Anhebung des einwöchigen Ausleihesatzes zu überraschen, womit der gewünschte Effekt erreicht wurde: Die Lira stieg zum Dollar um bis zu 2,6 Prozent. Es war auch eine mutige Entscheidung, so kurz vor den am 24. Juni anstehenden Wahlen der aggressiv von Erdogan vorgetragenen Forderung nach geldpolitischer Lockerung zu widerstehen.

Die Erwartungen an den Effekt der Zinsanhebung sollte man aber auch nicht allzu hoch hängen. Mit 1,25 Prozentpunkte auf 17,75 Prozent ist sie nicht gerade ein Keulenschlag – nach Meinung der Commerzbank wäre zur Behebung der Lira-Krise ein Zinssatz von 20 Prozent notwendig -, und die Reaktion der Währung, von deren anfänglichem Plus letztlich 2,2 Prozent übrig blieben, fällt angesichts der seit Jahresbeginn anstehenden Einbuße von rund 18 Prozent auch nicht unbedingt beeindruckend aus.

Letztlich bringt der Zinsschritte nur eine Atempause. Die Nachhaltigkeit seiner Wirkung wird maßgeblich davon abhängen, dass Erdogan zunächst seine Rhetorik so gestaltet, dass das Vertrauen in seine Wirtschaftspolitik und insbesondere in die Handlungsfähigkeit und Unabhängigkeit der Zentralbank nicht noch mehr Schaden nimmt. Ansonsten droht sich die Kapitalflucht zu verstärken, was die Krise weiter verschärfen würde. Zum Schwur wird es dann nach den Wahlen kommen. Sofern siegreich, wird Erdogan, anstatt Verschwörungstheorien über die Finanzmärkte zu verbreiten, mit Wort und Tat die richtigen Signale für die Kapitalgeber geben müssen.

Es gibt viel zu tun, wie das jüngste Statement von Moody’s, die die Türkei auf die Watch List gesetzt hat, deutlich macht. Die Erosion des Investorenvertrauens werde sich fortsetzen, wenn sie nach den Wahlen nicht durch glaubwürdige politische Handlungen adressiert werde – mit der Folge einer deutlich erhöhten Wahrscheinlichkeit gravierender Zahlungsbilanzprobleme. Die Lira sei in den zurückliegenden Monaten um 20 Prozent gefallen, das Leistungsbilanzdefizit auf 6,5 Prozent des BIP gestiegen. Die negative Stimmung sei eine Herausforderung für ein auf Kapitalimporte angewiesenes Land, dessen jährlicher externer Finanzierungsbedarf bei brutto mehr als 200 Mrd. Dollar liege. Die Reserven hätten bereits ein niedriges Niveau erreicht und deckten einschließlich der Goldbestände weniger als die Hälfte dieses Betrags ab. Höchste Zeit, den Schalter umzulegen.

Quelle: Börsen-Zeitung, Christopher Kalbhenn

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