Top-Ökonom Sinn hält neues EZB-Kriseninstrument für gefährlich

Top-Ökonom Hans-Werner Sinn sieht die Europäische Zentralbank (EZB) auf einem gefährlichen Kurs. Die Währungsunion könne nur existieren, „wenn Staaten, die sich höher verschulden, höhere Zinsen zahlen müssen“, sagte der frühere Präsident des Ifo-Instituts und Buchautor der „Welt am Sonntag“. In diesem Fall von einer nicht akzeptablen Fragmentierung der Eurozone zu sprechen, sei eine PR-Idee der EZB. „Zinsen sind eine Schulden- und Inflationsbremse. Dieser Selbststabilisierungsmechanismus der Marktwirtschaft wird mit dem neuen Instrument fundamental geschwächt“, kritisierte der Ökonom.

Am vergangenen Donnerstag hatte EZB-Chefin Christine Lagarde zeitgleich mit der Zinserhöhung das neue Kriseninstrument TPI angekündigt, das verhindern soll, dass hoch verschuldete Länder wie Italien deutlich höhere Zinsen als Deutschland zahlen müssen. Bei zu hohen Risikoaufschlägen will die EZB unbegrenzt Staatsanleihen des betroffenen Euro-Landes kaufen. Sinn warnte, dass immer neue Schulden den Inflationsdruck noch verstärkten. „Der alte Weg, alle Probleme mit immer mehr Geld zuzuschütten“ gehe angesichts der Geldentwertung nicht mehr. Der Entzug werde allerdings schmerzhaft. „Denn wenn kein Geld da ist, drohen Verteilungskämpfe.“ Die Politik werde Wege suchen, das europäische Transfersystem immer weiter auszubauen. „Südeuropa würde zum großen Mezzogiorno, finanziert vom produktiveren Norden, wenn das gelänge“, sagte er.

„Die Aussichten, wie es mit dem Euroraum jetzt weitergeht, wenn die EZB nicht endlich glaubwürdiger agiert, sind trüb“, sagte auch der Finanzwissenschaftler Gunther Schnabl von der Universität Leipzig der „Welt am Sonntag“. Die Regierungen würden vermehrt versucht sein, mit neuen Schulden die Preise etwa für Benzin und Lebensmittel zu deckeln, Mieten einzufrieren und immer mehr Wirtschaftsbereiche streng zu regulieren, um die Folgen von Inflation und Knappheiten abzumildern. „Dann sind zwar die kurzfristigen Folgen der Inflation unter Kontrolle, aber dafür droht ein schleichender Wohlstandsverlust.“ (dts Nachrichtenagentur)



Foto: EZB, über dts Nachrichtenagentur

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