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Wirtschaftsprofessoren kritisieren praxisferne Forschung und Lehre an deutschen Universitäten

Volkswirtschaft

Saarbrücken – In der Betriebswirtschaftslehre geht es viel um Zahlen und Statistiken, etwa in der Wirtschaftsprüfung, der Steuerlehre oder im Controlling. Mit empirischen Methoden werden dort zum Beispiel Bilanzen und Geschäftsberichte durchleuchtet. Diese statistische Herangehensweise verstellt jedoch nach Auffassung von Saarbrücker Wirtschaftsprofessoren den Blick auf das Wesentliche. „An vielen Universitäten lernen die Studentinnen und Studenten heute nicht mehr den kritischen Umgang mit den Regelungen und Gesetzen, die unser Wirtschaftsleben bestimmen“, sagt Professor Heinz Kußmaul. Auch die Unternehmen beklagen zunehmend, dass den Absolventen das Fachwissen und Verständnis für die Praxis fehlt.

„Wer in einem Konzern herausfinden will, wie man die Steuerlasten optimal verteilt, muss nicht nur Zahlen zusammenrechnen können. Er braucht das Steuerrecht und ein Verständnis für die betrieblichen Zusammenhänge“, nennt Professor Kußmaul als Beispiel. Diese Grundlagen würden an vielen Hochschulen nicht mehr ausreichend vermittelt. „Das hängt mit der Forschung in der Betriebswirtschaftslehre zusammen, die immer stärker von empirischen Studien geprägt wird. Diese sind notwendig, sie dürfen aber nicht das gesamte Forschungsgebiet dominieren“, sagt der Wissenschaftler. Gemeinsam mit acht Saarbrücker Wirtschaftsprofessoren hat er ein „Plädoyer für eine normative theorie- und praxisbezogene Betriebswirtschaftslehre“ verfasst, das in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „Der Betrieb“ erschienen ist. Darin führen die Wissenschaftler verschiedene Gründe an, warum ihrer Meinung nach ein Richtungswechsel in der Betriebswirtschaftslehre dringend geboten ist.

„Viele deutsche Wirtschaftswissenschaftler zielen darauf, ihre Forschungsergebnisse in renommierten US-amerikanischen Zeitschriften zu veröffentlichen. Diese Fachpublikationen haben mittlerweile auch bei Berufungsverfahren ein großes Gewicht bekommen. Dort kann man aber kaum Themen publizieren, die sich mit spezifisch deutschen Verhältnissen beschäftigen“, erläutert Heinz Kußmaul. In der amerikanischen Forschung seien außerdem die empirischen Verfahren weit verbreitet, so dass Studien auf diesem Gebiet größere Erfolgschancen hätten. Die anwendungsorientierte Forschung finde hingegen eher in deutschen Fachzeitschriften Niederschlag. Diese würden aber in Rankings oft nicht oder nur mit niedriger Punktzahl gewertet. „Das führt dazu, dass an deutschen Universitäten immer weniger Wissenschaftler nachrücken, die sich auch mit den normativen Aspekten der Betriebswirtschaftslehre auseinandersetzen und sich detailliert mit Fragen des Handelsrechts oder der Bilanzierung auskennen“, ergänzt Professor Karlheinz Küting, der an der Universität des Saarlandes das Centrum für Bilanzierung und Prüfung leitet. Der Saarbrücker Forscher musste sich in den vergangenen Monaten viele Klagen von Wirtschaftsprüfungsgesellschaften und Konzernen anhören, die neu eingestellte Betriebswirte erst noch aufwändig ausbilden müssen, weil sie das Fachwissen nicht mehr von den Universitäten mitbringen.

Professor Kußmaul warnt davor, dass sich diese einseitige Entwicklung der Betriebswirtschaftslehre auch auf Politik und Gesellschaft auswirken könnte. „Das Steuerrecht oder Handelsrecht sind keine statischen Gebilde, sondern müssen dynamisch an die wirtschaftlichen Entwicklungen angepasst werden. Dafür benötigen wir Forscher und Politikberater, die sich mit diesen Themen fundiert auskennen“, sagt der Wissenschaftler. Als Beispiel führt er die Frage an, warum Internetkonzerne wie Google in Deutschland wenig Steuern zahlen, obwohl sie hier Milliardengeschäfte machen. „Auch die Banken oder großen Automobilkonzerne sind heute so stark international vernetzt, dass sie immer wieder Schlupflöcher für Steuerersparnisse finden. Das lässt sich nur verhindern, wenn man die Gesetze im Detail kennt und die betriebswirtschaftlichen Zusammenhänge durchschaut“, unterstreicht der Saarbrücker Professor. An der Universität des Saarlandes werde dieses theoretische Fachwissen seit Jahrzehnten äußerst praxisnah vermittelt, was den Studenten jedoch viel Fleiß und Engagement abverlange.

„Viele unserer Absolventen konnten hochrangige Positionen in Unternehmen und Prüfungsgesellschaften einnehmen. Das bestätigt uns auf unserem Weg. Wir hoffen, dass unser Plädoyer für eine normative Betriebswirtschaftslehre die Kollegen an anderen Universitäten wachrüttelt, damit die fehlerhafte Entwicklung noch korrigiert werden kann“, sagt Professor Kußmaul. Bilanz-Experte Karlheinz Küting verweist auf die „Saarbrücker Initiative gegen den Fair Value“, mit der Wirtschaftswissenschaftler der Saar-Uni im Jahr 2008 problematische Gesetzesänderungen im Bilanzierungsrecht verhindern konnten. Sie erhielten nach einem öffentlichen Aufruf die Gelegenheit, im Bundestagsausschuss ihre Bedenken vorzutragen und konnten damit widersprüchliche Bewertungen im Handelsgesetzbuch abwenden. „Ich hoffe, dass auch diesmal unsere Warnungen Gehör finden und man in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik eine vielfältigere Ausrichtung der Betriebswirtschaftslehre einfordert“, sagt Küting.

Das „Saarbrücker Plädoyer für eine normative theorie- und praxisbezogene Betriebswirtschaftslehre“ ist heute in der Fachzeitschrift „Der Betrieb“ erschienen.

Foto: © T. Al Nakib

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