In den letzten Monaten wurden in mehreren großen deutschen Städten Polioviren im Abwasser nachgewiesen. Dies ist ein alarmierendes Zeichen, denn Polio, auch bekannt als Kinderlähmung, ist eine schwerwiegende und potenziell tödliche Krankheit, die über Jahrzehnte hinweg in Deutschland als eliminiert galt. Die Ständige Impfkommission (Stiko) beim Robert-Koch-Institut hat nun dringend an Eltern appelliert, versäumte Schutzimpfungen gegen Polio umgehend nachzuholen.
Bedrohung durch Polioviren
Das Auftauchen von Polioviren im Abwasser ist hochgradig beunruhigend, da es ein Indikator dafür sein kann, dass sich das Virus wieder in der Bevölkerung auszubreiten beginnt. Polio ist hoch ansteckend und kann vor allem bei Kindern zu schweren Verläufen mit bleibenden Lähmungen und sogar zum Tod führen. Obwohl Deutschland seit dem Jahr 2002 als poliofrei galt, da die letzten Fälle im Jahr 1990 auftraten, zeigt der aktuelle Fund im Abwasser, dass das Virus offenbar erneut in unser Land gelangt ist.
Gründe für den Poliovirus-Nachweis
Die Ursachen für das Auftauchen der Polioviren sind noch nicht abschließend geklärt. Experten vermuten, dass nicht ausreichend immunisierte Rückkehrer aus Ländern, in denen Polio noch endemisch ist, das Virus eingeschleppt haben könnten. Auch Kontakte zu Geflüchteten aus Regionen, in denen Polio noch vorkommt, werden als mögliche Quelle diskutiert. Darüber hinaus könnte der nachlassende Impfschutz in der Bevölkerung dazu beigetragen haben, dass sich das Virus nun wieder ausbreiten kann.
Hohe Impflücken in Deutschland
Tatsächlich weist Deutschland bei den Polio-Impfquoten große regionale Unterschiede und teilweise bedenklich niedrige Werte auf. Laut Stiko sind bundesweit rund 93 Prozent der Kinder im Alter von zwei Jahren gegen Polio geimpft. In Ballungsräumen wie Berlin, Hamburg oder Bremen liegen die Impfquoten jedoch häufig deutlich niedriger, teilweise nur bei 80 Prozent. Experten warnen, dass eine Impfquote von unter 95 Prozent das Risiko erhöht, dass sich Krankheiten wie Polio wieder ausbreiten können.
Appell der Stiko an Eltern
Angesichts dieser Situation appelliert die Ständige Impfkommission eindringlich an Eltern, versäumte Schutzimpfungen gegen Polio umgehend nachzuholen. „Der Fund von Polioviren im Abwasser zeigt, dass wir die Gefahr einer Wiederausbreitung dieser hochgefährlichen Krankheit sehr ernst nehmen müssen“, betont Prof. Dr. Thomas Mertens, Vorsitzender der Stiko. „Ich kann alle Eltern nur dringend ermutigen, bei ihren Kindern fehlende Impfungen zeitnah nachholen zu lassen. Nur so können wir das Risiko einer erneuten Polio-Epidemie in Deutschland verhindern.“
Bedeutung der Polio-Impfung
Die Polio-Impfung ist eine der wichtigsten Schutzmaßnahmen gegen die gefährliche Viruserkrankung. Sie wird in Deutschland standardmäßig im Rahmen der Grundimmunisierung im ersten Lebensjahr verabreicht und soll im Laufe der Kindheit durch Auffrischungsimpfungen aufrechterhalten werden. Der Impfschutz ist in der Regel lebenslang wirksam. Nur wer vollständig gegen Polio geimpft ist, ist auch wirklich vor einer Infektion und deren schwerwiegenden Folgen geschützt.
Konsequenzen einer Polio-Erkrankung
Eine Polio-Erkrankung kann zu dauerhaften Lähmungen, vor allem der Beine, führen. In schweren Fällen kann das Virus auch das Atemzentrum im Gehirn befallen, was dann lebensbedrohlich sein kann. Viele Überlebende einer Polio-Infektion leiden zudem noch Jahre oder Jahrzehnte später unter den Spätfolgen, den sogenannten Post-Polio-Symptomen wie Muskelschwäche, Schmerzen und Müdigkeit. Eine Heilung der Krankheit gibt es nicht, lediglich die Verhinderung durch Impfung ist möglich.
Globale Anstrengungen zur Polio-Elimination
Weltweit haben sich Gesundheitsorganisationen wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zum Ziel gesetzt, Polio bis zum Jahr 2026 vollständig zu eliminieren. Dazu sind enorme Anstrengungen erforderlich, da die Krankheit in einigen Regionen der Erde, vor allem in Afghanistan und Pakistan, noch immer endemisch ist. Deutschland hat sich als Mitglied der Globalen Polio-Eradikationsinitiative ebenfalls verpflichtet, durch hohe Impfquoten und Überwachung zum weltweiten Poliovirus-Ausrottungsprogramm beizutragen.
Niedrige Impfquoten gefährden Erfolge
Der aktuelle Befund von Polioviren im deutschen Abwasser zeigt jedoch, dass die hierzulande teilweise zu niedrigen Impfquoten den Erfolg der globalen Eliminationsbemühungen gefährden können. „Solange es irgendwo auf der Welt noch Polio gibt, besteht auch für uns in Deutschland das Risiko, dass das Virus wieder eingeschleppt wird“, warnt Prof. Mertens. „Umso wichtiger ist es, dass wir die Impflücken in der Bevölkerung so schnell wie möglich schließen.“
Konsequenzen für Ungeimpfte
Wer nicht gegen Polio geimpft ist, trägt nicht nur ein hohes persönliches Risiko, selbst zu erkranken. Ungeimpfte Personen können das Virus auch leicht an andere weitergeben und so eine Ausbreitung begünstigen. Dies gefährdet insbesondere jene Menschen, die aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden können, wie zum Beispiel Säuglinge oder immungeschwächte Patienten. Daher appelliert die Stiko eindringlich an alle Eltern, Impflücken bei ihren Kindern umgehend zu schließen.
Fazit: Impfschutz schnellstmöglich komplettieren
Das Auftauchen von Polioviren im deutschen Abwasser ist ein alarmierendes Signal, das die Ständige Impfkommission zum Anlass nimmt, Eltern dringend aufzufordern, versäumte Polio-Schutzimpfungen umgehend nachzuholen. Nur eine flächendeckend hohe Impfquote kann verhindern, dass sich Polio in Deutschland wieder ausbreitet und zu schwerwiegenden Erkrankungen führt. Angesichts der globalen Bemühungen zur Elimination der Krankheit trägt jeder Einzelne Verantwortung, seinen Beitrag zum Impfschutz zu leisten.
