Nach der Machtübernahme der Islamisten in Syrien haben viele Beobachter Einschränkungen für andere Glaubensgemeinschaften erwartet. Doch auf einem Weihnachtsmarkt in der Hauptstadt Damaskus ist davon nichts zu spüren – ganz im Gegenteil.
Die Straßen von Damaskus sind wie verwandelt. Überall leuchten Lichterketten, Tannengirlanden und funkelnde Christbaumkugeln. Der Duft von Glühwein, gebrannten Mandeln und frisch gebackenem Lebkuchen liegt in der Luft. Kinder laufen mit Sternenkerzen durch die Gassen und lachen ausgelassen. Erwachsene schlendern von Stand zu Stand und begutachten das bunte Treiben. Auf einer kleinen Bühne stimmen Sänger weihnachtliche Lieder an, die von der Menge begeistert mitgesungen werden.
Es ist das erste Weihnachtsfest seit dem Sturz des langjährigen Machthabers Bashar al-Assad. Viele Christen in Syrien hatten in den letzten Jahren die Hoffnung verloren, diese Tradition jemals wieder frei und uneingeschränkt feiern zu können. Doch nun, da die radikalen Islamisten weitestgehend aus der Hauptstadt vertrieben wurden, kehrt das Fest der Liebe und Besinnlichkeit auf die Straßen zurück.
Die Rückkehr des Weihnachtsmarktes
Besonders auffallend ist, wie offen und selbstverständlich die Christen ihr Fest heute zelebrieren. Überall sind Krippen, Engelfiguren und andere christliche Symbole zu sehen. Kinder kichern, als sie den Weihnachtsmann mit seinem roten Mantel und weißen Bart entdecken. Familien flanieren durch die beleuchteten Gassen und lassen sich von der fröhlichen Stimmung anstecken.
„Es ist einfach wunderbar, dass wir Weihnachten wieder so frei und ungehindert feiern können“, freut sich Hanna, eine junge Mutter aus Damaskus. „In den letzten Jahren mussten wir uns immer verstecken und hatten ständig Angst, dass unsere Traditionen verboten werden. Aber jetzt können wir endlich wieder unbeschwert unsere Bräuche ausleben.“
Auch die Verkäufer auf den zahlreichen Ständen sind erleichtert, dass der Weihnachtsmarkt nach langer Zeit wieder eröffnet werden konnte. „Unsere christlichen Kunden sind unsere treuesten Stammkunden“, erzählt Fatima, die selbst Muslimin ist. „Sie kommen jedes Jahr hierher, um ihre Geschenke einzukaufen und die besinnliche Stimmung zu genießen. Für viele ist der Weihnachtsmarkt wie eine kleine Oase der Normalität in diesen schwierigen Zeiten.“
Friedliches Miteinander der Religionen
Auffallend ist, wie friedlich und respektvoll Christen und Muslime auf dem Weihnachtsmarkt miteinander umgehen. Nirgendwo sind Spannungen oder Feindseligkeiten zu spüren. Stattdessen begegnen sich die Angehörigen der beiden Glaubensrichtungen mit offener Neugier und gegenseitiger Wertschätzung.
„Wir Syrer haben schon immer friedlich und tolerant miteinander gelebt“, erklärt Hanna. „Egal ob Christ oder Moslem – wir sind in erster Linie Landsleute, die füreinander da sind. Das hat sich auch in all den Jahren des Bürgerkriegs nicht geändert.“
Auch Fatima nickt zustimmend: „Für uns gehört das Weihnachtsfest genauso zu unserer Kultur wie die islamischen Feiertage. Wir freuen uns, dass unsere christlichen Mitbürger es endlich wieder ungestört feiern können. Das zeigt, dass unser Land auf dem Weg zu Frieden und Normalität ist.“
Christliche Traditionen als Hoffnungszeichen
Besonders bemerkenswert ist, dass das Weihnachtsfest in Syrien nicht nur von Christen, sondern auch von vielen Muslimen mitgefeiert wird. Überall sieht man, wie Angehörige beider Glaubensrichtungen gemeinsam durch die festlich geschmückten Gassen schlendern, Glühwein trinken und an den Ständen stöbern.
„Weihnachten ist für uns alle ein Fest der Hoffnung und Besinnlichkeit“, erklärt Hanna. „Nach all den Grausamkeiten und Zerstörungen des Bürgerkriegs sehnen wir uns alle nach Frieden und Normalität. Die wiedererwachten christlichen Traditionen sind wie ein Lichtblick in diesen dunklen Zeiten.“
Auch die junge Mutter zeigt sich überzeugt, dass das friedliche Miteinander an Weihnachten ein gutes Omen für die Zukunft ist. „Wenn Christen und Muslime so selbstverständlich und respektvoll miteinander feiern können, dann gibt es Hoffnung, dass unser Land bald wieder zur Ruhe kommt“, sagt sie zuversichtlich.
Versöhnung und Neuanfang
In der Tat wirkt der Weihnachtsmarkt in Damaskus wie ein Mikrokosmos der Versöhnung und des Neuanfangs. Überall sind Menschen zu sehen, die trotz aller Gräuel des Bürgerkriegs wieder zueinander gefunden haben. Sie lachen, scherzen und genießen gemeinsam die besinnliche Stimmung.
„Es ist, als hätte der Krieg all die Spannungen und Gräben zwischen uns einfach hinweggefegt“, freut sich Hanna. „Jetzt sehen wir einander wieder als das, was wir in Wahrheit sind: Nachbarn, Freunde und Landsleute, die füreinander einstehen.“
Auch die Verkäuferin Fatima ist begeistert von der friedlichen Atmosphäre: „Für mich zeigt der Weihnachtsmarkt, dass wir Syrer trotz allem unsere Tradition der Toleranz und des Zusammenhalts nicht verloren haben. Egal ob Christ oder Moslem – wir sind eine große Familie und gehören zusammen.“
Ein Hoffnungsschimmer in dunkler Zeit
In den Augen vieler Syrer ist das Weihnachtsfest in diesem Jahr daher mehr als nur ein religiöses Fest. Es ist ein Symbol dafür, dass ihr Land den Weg zurück zu Normalität und Frieden finden kann. Die ausgelassene Feierlaune, das friedliche Miteinander und die wiedererwachte Tradition machen Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
„Weihnachten erinnert uns daran, dass es auch in den dunkelsten Zeiten immer einen Hoffnungsschimmer gibt“, sagt Hanna nachdenklich. „Jetzt, da wir unsere Feiern wieder uneingeschränkt begehen können, spüren wir, dass unser Land den Weg aus der Krise gefunden hat. Das macht Mut für alles, was noch kommen mag.“
Auch Fatima ist zuversichtlich, dass der Weihnachtsmarkt ein gutes Omen für die Zukunft ist: „Vielleicht können wir an Weihnachten den Anfang einer neuen, friedlichen Ära in Syrien erleben. Das wäre das schönste Geschenk, das wir uns vorstellen können.“
