Am 25. November 2024 erklärte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan nach einem Telefongespräch mit seinem russischen Amtskollegen Wladimir Putin, dass er sich für eine Intensivierung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen der Türkei und Russland einsetzen wolle. Das Gespräch zwischen den beiden Staatsoberhäuptern habe demnach den Anstoß für diese neue Annäherung gegeben.
Stärkung der bilateralen Handelsbeziehungen
Erdogan betonte, dass er die Handelsbeziehungen zwischen den beiden Ländern deutlich ausbauen möchte. „Russland ist ein wichtiger strategischer Partner für uns, mit dem wir unseren Handel signifikant steigern können“, sagte der türkische Präsident in einer Pressekonferenz. Konkrete Zahlen nannte er zwar nicht, kündigte aber an, dass in Kürze Delegationen beider Seiten zusammenkommen würden, um mögliche Projekte und Kooperationsfelder auszuloten.
Auch Putin äußerte sich positiv zu den Plänen: „Wir begrüßen das Interesse der Türkei an einer Intensivierung unserer wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Dies liegt im gegenseitigen Interesse und kann für beide Seiten von Vorteil sein.“ Der Kremlchef stellte in Aussicht, dass Russland dafür die notwendigen Rahmenbedingungen schaffen werde.
Hintergründe zur türkisch-russischen Beziehung
Die Türkei und Russland haben in den vergangenen Jahren trotz gelegentlicher Spannungen ihre Beziehungen sukzessive ausgebaut. Während es in Fragen der Regionalpolitik, etwa im Syrienkonflikt, immer wieder Differenzen gab, konnten im Wirtschaftsbereich durchaus Fortschritte erzielt werden.
So haben sich die Handelsvolumen zwischen beiden Ländern in den letzten Jahren kontinuierlich erhöht. Russland ist mittlerweile einer der wichtigsten Handelspartner der Türkei. Umgekehrt ist die Türkei für Russland ein wichtiger Absatzmarkt, vor allem im Tourismussektor. Jährlich besuchen Millionen russische Urlauber die türkischen Ferienorte.
Darüber hinaus arbeiten beide Länder in strategischen Schlüsselprojekten wie dem Bau des Atomkraftwerks Akkuyu an der türkischen Mittelmeerküste zusammen. Solche Vorhaben tragen dazu bei, die Wirtschaftsbeziehungen weiter zu vertiefen.
Mögliche Felder für eine vertiefte Zusammenarbeit
Laut Experten gibt es noch erhebliches ungenutztes Potenzial für eine Ausweitung der türkisch-russischen Wirtschaftskooperation. Neben dem Handel mit Konsumgütern und Rohstoffen könnten die Länder ihre Zusammenarbeit insbesondere in folgenden Bereichen intensivieren:
– Energie: Neben dem Atomkraftwerk Akkuyu könnten die Türkei und Russland auch bei anderen Energieprojekten, etwa im Bereich der Erneuerbaren Energien, kooperieren.
– Infrastruktur: Russland verfügt über große Erfahrung im Bau von Großprojekten wie Hochgeschwindigkeitsstrecken oder Häfen. Solche Kompetenzen könnten für Infrastrukturvorhaben in der Türkei genutzt werden.
– Rüstung: Die Türkei hat in den letzten Jahren vermehrt russische Rüstungsgüter beschafft, was immer wieder für Spannungen mit den NATO-Partnern gesorgt hat. Eine vertiefte Zusammenarbeit in diesem Bereich wäre denkbar.
– Technologietransfer: Russland ist in Schlüsseltechnologien wie der Raumfahrt oder der Künstlichen Intelligenz führend. Ein Technologietransfer könnte für beide Seiten von Vorteil sein.
Mögliche Herausforderungen und Risiken
Allerdings bringen engere Wirtschaftsbeziehungen zwischen der Türkei und Russland auch Herausforderungen und Risiken mit sich. Zum einen könnte dies zu Verstimmungen mit den westlichen Partnern der Türkei führen, die die russische Aggression in der Ukraine verurteilen und ein hartes Sanktionsregime gegen Russland aufrechterhalten.
Auch innerhalb der Türkei gibt es durchaus skeptische Stimmen, die vor einer zu starken Annäherung an Russland warnen. Sie befürchten, dass dies die Position der Türkei im westlichen Bündnissystem schwächen und das Land in eine gefährliche geostrategische Zwickmühle zwischen Ost und West treiben könnte.
Darüber hinaus ist fraglich, ob Russland tatsächlich in der Lage ist, der Türkei die erhofften wirtschaftlichen Impulse zu geben. Die russische Volkswirtschaft leidet nach wie vor unter den Folgen der Sanktionen und hat mit strukturellen Problemen zu kämpfen. Ob Russland also der erhoffte „Königsweg“ für die türkische Wirtschaft sein kann, bleibt abzuwarten.
Trotz dieser Herausforderungen scheint Erdogan entschlossen, die Beziehungen zu Russland weiter auszubauen. Für ihn ist dies offenbar ein wichtiger Baustein seiner „unabhängigen“ Außenpolitik, mit der er sich aus der Umklammerung des Westens befreien will. Wie sich diese Strategie längerfristig auswirkt, bleibt jedoch abzuwarten.
