Im Osten der Demokratischen Republik Kongo macht derzeit eine mysteriöse Krankheit von sich reden. Diese bislang unbekannte Erkrankung, die von den Behörden vorläufig als „Krankheit X“ bezeichnet wird, kann bei den Betroffenen tödlich enden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die Situation zum Anlass genommen, um genauer zu untersuchen, was hinter diesem Ausbruch stecken könnte.
Erste Berichte über die „Krankheit X“ erreichten die Öffentlichkeit Mitte Januar 2023. Seitdem haben sich die Fälle in der Region um die Stadt Kirotshe im Osten des Landes gehäuft. Laut Angaben des kongolesischen Gesundheitsministeriums sind bislang rund 50 Menschen an den Folgen der mysteriösen Erkrankung gestorben. Weitere 20 Personen befinden sich derzeit in Behandlung.
Medizinisches Rätsel: Symptome und Verlauf der „Krankheit X“
Bei den Erkrankten treten vor allem Symptome wie starkes Fieber, Durchfall, Erbrechen und Müdigkeit auf. In einigen Fällen kommt es auch zu Blutungen und Organversagen, was letztendlich zum Tod führen kann. Auffallend ist, dass die Krankheit besonders schnell verläuft – manche Patienten sterben bereits wenige Tage nach dem Auftreten der ersten Symptome.
„Wir stehen vor einem medizinischen Rätsel“, erklärt Dr. Émile Okitolonda, Leiter des nationalen Referenzlabors im Kongo. „Die Symptome ähneln zwar bekannten viralen Hämorrhagischen Fiebern, aber die genauen Ursachen und der Erreger sind bislang ungeklärt.“ Laboruntersuchungen der Proben von Erkrankten hätten bisher keine eindeutigen Hinweise auf bekannte Viren wie Ebola, Marburg oder Lassa ergeben.
Mögliche Verbindung zu COVID-19
Angesichts der unklaren Ursachen der „Krankheit X“ rückt nun auch eine mögliche Verbindung zu COVID-19 in den Fokus der Ermittlungen. „Wir müssen in Betracht ziehen, dass es sich hier um eine bislang unbekannte Folgeerkrankung von COVID-19 handeln könnte“, sagt Dr. Matshidiso Moeti, Regionaldirektorin der WHO für Afrika.
In den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass das Coronavirus SARS-CoV-2 neben den bekannten Symptomen wie Fieber, Husten und Atemnot auch andere, teils schwerwiegende Folgeerkrankungen auslösen kann. Dazu zählen unter anderem Entzündungen des Herzens, Schlaganfälle oder Long Covid. Es wäre also durchaus möglich, dass die „Krankheit X“ ebenfalls eine Spätfolge einer COVID-19-Infektion darstellt.
Epidemiologische Untersuchungen laufen
Um dieser Theorie auf den Grund zu gehen, haben WHO-Experten gemeinsam mit dem kongolesischen Gesundheitsministerium eine umfangreiche epidemiologische Untersuchung in der betroffenen Region eingeleitet. Dabei sollen zunächst die Krankengeschichten der Patienten genau analysiert werden, um mögliche Zusammenhänge mit vorherigen COVID-19-Infektionen zu identifizieren.
Darüber hinaus werden Blut- und Gewebeproben der Erkrankten sowie möglicher Kontaktpersonen eingehend im Labor untersucht. „Wir hoffen, auf diesem Weg Hinweise auf den Erreger und die genauen Übertragungswege zu finden“, erklärt Dr. Moeti. „Je mehr wir über die Ursachen der Krankheit herausfinden, desto effektiver können wir sie auch bekämpfen.“
Herausforderungen bei der Eindämmung
Die Bekämpfung der „Krankheit X“ gestaltet sich indes alles andere als einfach. Aufgrund der abgelegenen Lage der betroffenen Gebiete im Osten des Kongo haben die Gesundheitsbehörden Schwierigkeiten, die notwendigen medizinischen Ressourcen wie Schutzausrüstung, Medikamente und Behandlungskapazitäten bereitzustellen.
Hinzu kommt, dass die Region seit Jahren von Konflikten und Gewalt geplagt ist. „Die Sicherheitslage erschwert unsere Arbeit enorm“, berichtet Dr. Okitolonda. „Unsere Teams müssen bei Feldbesuchen und Probenentnahmen äußerst vorsichtig sein.“ Immer wieder kommt es zu Angriffen auf medizinisches Personal, was die Eindämmung der Ausbreitung zusätzlich erschwert.
Internationale Hilfe gefordert
Angesichts der bedrohlichen Lage fordern die kongolesischen Behörden nun dringend internationale Unterstützung. „Wir brauchen mehr finanzielle Mittel, aber vor allem auch mehr medizinisches Fachpersonal, das uns bei der Bekämpfung dieser Krise zur Seite steht“, so Gesundheitsminister Jean-Jacques Mbungani.
Die WHO hat bereits Hilfslieferungen in die betroffene Region entsandt und mobilisiert zusätzliche Experten. Dennoch reichen die vorhandenen Ressourcen bei Weitem nicht aus, um Herr der Lage zu werden. „Wir appellieren an die internationale Gemeinschaft, uns in dieser Notlage nicht allein zu lassen“, betont WHO-Regionaldirektorin Moeti. „Je schneller wir die Ursachen der ‚Krankheit X‘ klären und Gegenmaßnahmen ergreifen können, desto mehr Menschenleben lassen sich möglicherweise retten.“
Die Suche nach Antworten geht also weiter. Experten hoffen, in den kommenden Wochen und Monaten mehr Licht in das Dunkel dieser mysteriösen Erkrankung bringen zu können. Bis dahin bleibt die Bevölkerung im Osten des Kongo in ständiger Angst vor dem Ausbruch der „Krankheit X“.
