Handel – aktuelle Nachrichten zu Export, Import und LogistikNews

Wie eine „Ever Given“-Blockade zukünftig vermieden werden könnte

Die vollständige Blockade des Suezkanals durch den Superfrachter „Ever Given“ Ende März löste weltweit eine der größten Schifffahrtskrisen der letzten Jahrzehnte aus. Vor diesem künstlichen Wasserweg, der die einfachste und vor allem schnellste Verbindung zwischen Europa und Asien ermöglicht, bildete sich in kürzester Zeit auf beiden Einfahrtsseiten des Kanals ein riesiger Verkehrsstau, der die Weltwirtschaft Schätzungen zufolge mehrere Hundert Millionen Dollar pro Stunde kostete.

Es ist jedoch nicht das erste Mal, dass sich gerade in diesem Kanal, der unter ägyptischer Verwaltung steht, schwerwiegende Probleme ereigneten. Während der berüchtigten Suez-Krise in den 1950er Jahren musste die Verbindung zwischen dem Roten-Meer und dem östlichen Mittelmeer für mehrere Monate geschlossen werden. Aber auch seit damals traten immer wieder Havarien oder andere Zwischenfälle in der doch sehr schmalen Fahrtrinne auf.

Schon seit geraumer Zeit werden immer wieder Gespräche unter Wirtschaftsfachleuten, Politikern und Militärs geführt, wie im Suez-Kanal eine weitere wirtschaftliche Katastrophe vermieden werden könnte. Selbst wenn die Route ohne Probleme zu befahren ist, kommt es dennoch täglich zu einem enormen Verkehrsaufkommen auf diesem internationalen Wasserweg. Diese bedeutet natürlich auch gleichzeitig, dass die nächste ungewollte Sperre abermals zeitnah eintreten könnte. Aber wie kann wirklich eine weltweite Versorgungskrise verhindert werden, die durch einen nächsten Schifffahrtskollaps hervorgerufen werden könnte?

Die Phase der Bergung

Der durch die Suez-Blockade verursachte Schaden hat sich sofort im weltweiten Wirtschaftskreislauf ersichtlich gemacht: Lieferketten müssen sich an einen unglaublich engen Zeitplan halten, Waren müssen auf die Minute genau an den Produktionsorten eintreffen. Dies bedeutet aber auch, dass jede zeitliche Verzögerung im Lieferkettenmanagement von Anfang an sowohl zu großen Umsatzverlusten als auch zu zusätzlichen Frachtkosten führt. Jede Stunde, die ohne benötigte Warenlieferungen vergeht, trägt zu einem wachsenden Berg an nicht kalkulierten Ausgaben bei, die Höhen von mehreren Milliarden Euro pro Tag annehmen können.

Die Schäden verschwinden aber nicht just in jenem Moment, in den der Kanal wieder befahrbar ist. Es dauert Wochen, wenn nicht Monate, bis der aufgestaute Liederrückstand verschwunden sein wird. Diese Tatsache belastet die globalen Volkswirtschaften zusätzlich. Einige verzweifelte Frächter versuchten den mehr als 500 Frachtschiffe schweren Stau zu umschiffen und haben die alte und gegenwärtig alternative Transitroute rund ums Kap der Guten Hoffnung genommen. Diese längere Route rund um Afrika verschlingt aber nicht nur Zeit und zusätzlichen Treibstoff, sondern bedarf auch zusätzlichen Schutzes vor der allgegenwärtig lauernden Piraterie auf hoher See. Daher fallen zusätzliche Kosten für Sicherheit zum Schutz der transportierten Waren und der Besatzung an.

Zusätzlich zu den bereits bestehenden Problemen, die durch die COVID-19 Pandemie ausgelöst wurde, werden die Schwierigkeiten, die durch die Suez-Kanal-Blockade der „Ever Given“ entstanden sind, auch nicht gerade zu einer schnellen Erholung der Weltwirtschaft beitragen.

Das Vermeiden zukünftiger Verzögerungen

Unsere Welt durchläuft in den letzten Jahren einen digitalen Wandel – wir kaufen jetzt vermehrt online ein, spielen öfter in einem Online-Casino anstatt dass wir in einen realen, landgestütztes Glücksspieltempel um die Ecke gehen, oder wir begeben uns sogar auf ein virtuelles Date, aber dennoch verlassen wir uns weiterhin immer noch stark auf eine physische Lieferkette für materielle Güter. Die 12% des Welthandels, die den Suez-Kanal jährlich durchqueren, machen diese Wasserstraße zu einer der wichtigsten Verkehrswege der Welt. Daher sind viele Institutionen auf der ganzen Welt bestrebt, eine weitere Blockade zukünftig zu vermeiden. Der durch den „Ever Given“-Unfall verursachte Schaden wird dazu führen, dass Regierungen und Unternehmen nach zusätzlichen Wegen suchen werden, um eine weitere Krise dieses Ausmaßes zukünftig zu vermeiden oder sie angehalten sind, eine eventuell weitere auftretende Störung wenigstens zu minimieren.

Aber die Frage, die sich alle gegenwärtig stellen lautet: „Wie kann dies umgesetzt werden?“

Investitionen in eine verbesserte Infrastruktur

Der wahrscheinlich naheliegende Anknüpfungspunkt wäre die Verbesserung der Kanalinfrastruktur. Ägypten eröffnete im Jahr 2015 einen zusätzlichen Kanal, dessen Herstellung  8,2 Milliarden US-Dollar verschlang, und der den Suez auf einer Stecke von 70 km verbreiterte und dadurch einige Engpässe auf der Wasserstraße entlastete. Viele Reeder fordern jedoch eine weitere Erweiterung – vor allem im Nordabschnitt des Kanals, die den Verkehr auch im Falle eines weiteren Unfalls am Laufen halten könnte.

Zwar scheinen die zusätzlichen milliardenschweren Kosten auf den ersten Blick ein erhebliches Problem zu sein, aber im Vergleich zu den enormen Kosten einer eventuell weiteren Blockade im Stil des März 2021 wären diese leicht zu schultern. Denn dank der Mehreinnahmen auf Grund einer viel höheren Schiffskapazität für gebührenpflichtige Schiffe würde sich dieses Projekt in nur wenigen Jahren durch zusätzliche Einnahmen amortisieren.

Die Verbesserung des  Schiff-Transportwesen

Da es im Moment jedoch in manchen Abschnitten nur einen befahrbaren Kanal gibt, kommt es in vielen Fällen vor, dass die lokalen Behörden daran interessiert sind, so viel Verkehr wie möglich durch dieses Nadelöhr zu schleusen. Aber genau diese Tatsache halten Branchenexperten für mehr als fragwürdig, denn durch das enorme Verkehrsaufkommen im Suez-Kanal erhöht sich das Risiko kostspieliger Unfälle stets. Eigentlich sollten die Giganten der Meere nur bei Tageslicht den Kanal passieren dürfen, da die diversen Gefahren einfacher erkannt werden können und schnell entsprechende Gegenmaßnahmen  gesetzt werden könnten. Aber die Realität sieht anders aus: gegenwärtig kann der Kanal zu jeder Tages- oder Nachtzeit benutzt werden.

Bei der Bergung der „Ever Given“ hat möglicherweise auch der Faktor Zufall mitgeholfen, denn an der betreffenden Unfallstelle waren mehrere Schlepper und Bagger rasch vor Ort. Aber auch die Bereitstellung von effektiveren Schleppern, die die riesen Containerschiffe besser geleiten können und effizientere Baggerarbeiten könnte verhindern, dass Schiffe auf Grund laufen. Die diesbezüglich zu tätigenden Investitionen wären wirklich gering im Gegensatz zu den enormen Kosten einer weiteren mehrwöchigen Lähmung des internationalen Schiffverkehrs.

Optimiertes Handeln bei unterschiedlichen Szenarien

Die Budgetierung eines „Worst-Case-Szenarios“ ist ein wesentlicher Bestandteil für ein erfolgreiches Unternehmen. Die Tatsache, dass der Ever Given-Vorfall bei so vielen Unternehmen die eigenen Planungen ad absurdum geführt hat, ist überraschend, und lässt darauf schließen, dass es hier noch enormes Optimierungspotential gibt.

Die Covid-19-Pandemie hat die Notwendigkeit von raschen Notfallmaßnahmen mehrfach unterstrichen, nur so können Unternehmen den negativen Auswirkungen von Verzögerungen in der Lieferkette und Störungen im Produktionsablauf entgegenwirken. Das Erkennen potenzieller Schwachstellen, das Priorisieren von Risiken und das Bereitstellen alternativer Lösungen sind der Schlüssel für ein wirtschaftliches Überleben in Krisenzeiten. Selbstverständlich gehört die Budgetierung für das schlechtmöglichste Umsatzergebnis hier dazu.

Sobald diese Pläne firmenintern erstellt wurden, sollten sie im gesamten Unternehmen bekannt gemacht werden, damit jeder involvierte Mitarbeiter über die zu setzenden Schritte informiert ist, die es bei Notsituationen einzuhalten gibt.

Verbesserte Kommunikation

Eine weitere Lehre aus der gegenwärtig anhaltenden Pandemie ist, dass die Kommunikation der generelle Schlüssel für schnelle Problemlösungen  ist. Dies galt bei der Entwicklung von Impfstoffen und ist ebenso wichtig für die globale Logistik der Verteilung dieser Impfdosen.

Die einzelnen Staaten sollten nicht nur zusammenarbeiten, um Krisen zu vermeiden – so war die Suez-Krise in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts auf ein diplomatisches Versagen zurückzuführen -, sondern auch die Unternehmen werden verstehen lernen, dass die Kommunikation mit Kunden, Lieferanten und sogar mit den Mitbewerbern für die Bewältigung von Transportproblemen von entscheidender Bedeutung ist. Die Unterstützung von betroffenen und „gestrandeten“ Schiffen und die Suche nach Lösungen zur Verhinderung weiterer Zwischenfälle sollten ganz oben auf der Prioritätenliste aller Unternehmen stehen, nicht nur für jene, die den Suezkanal befahren.

Aus der Vergangenheit lernen

Ob es in der Zukunft zu weiteren Behinderungen oder gar zu Blockaden des Suezkanals kommen wird, ist schwer vorher zu sagen, aber es ist entscheidend, aus den Erfahrungen die notwendigen Lehren zu ziehen. „Wenn Sie am Planen scheitern, so planen Sie das Scheitern“ mag zwar ein altmodisches Sprichwort ist, aber ganz abgedroschen dürfte es dennoch nicht sein. Unternehmen und Regierungen sollten sich nicht auf den Zufall verlassen, sondern müssen proaktiv handeln um eine Wiederholung des Milliarden-Dollar-Fiaskos, das die weltweiten Schlagzeilen im März 2021 beherrschte, zu vermeiden.

Ähnliche Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"