Arbeitslosigkeit steigt – doch offene Stellen sind vorhanden

Es ist kaum zu glauben, aber dennoch wahr, dass sich der Ukraine-Krieg direkt auf den deutschen Arbeitsmarkt auswirkt. Unternehmen werden zunehmend durch die Gaskrise verunsichert, aber dennoch, es werden massenhaft Mitarbeiter gesucht – insgesamt 5,4 Millionen in diesem Jahr. Eine Erhebung aus Juli zeigen die Größen Mangelbranchen auf.

Erneut zeigt sich ein messbarer Effekt 

Die Folgen des Krieges in der Ukraine zeigen erneut einen messbaren Effekt auf dem deutschen Arbeitsmarkt auf. Im Juli sprang die Zahl der arbeitslosen hierzulande auf 2,47 Millionen. Stärker als sonst üblich zur Sommerpause gab es eine Zunahme von 107.000 laut der Bundesagentur für Arbeit (BA). Begründet wurde dies durch die Erfassung der ukrainischen Geflüchteten. Diese werden seit Juni von den Jobcentern registriert und damit tauchen erwerbslose Geflüchtete spürbar in der Arbeitslosenstatistik auf.

BA-Vorstandsmitglied Daniel Terzenbach erklärte, dass der Arbeitsmarkt trotz der Belastungen und Unsicherheiten weiterhin stabil sei. Im Juli lag die Arbeitslosenquote bei 5,4 Prozent, aber trotz des Anstiegs betrug die Zahl der Arbeitslosen im Vergleich zum Juli 2021 120.000 weniger. Bei der BA heißt es, dass die Geflüchteten auf dem Arbeitsmarkt langfristig gute Chancen haben.

Das Stimmungsbild, dass durch eine Erhebung des Ifo-Instituts aufgezeigt wird, zeigt auf, dass dieses optimistisch ist. Laut diesen wollen 90 Prozent der Flüchtlinge aus der Ukraine in Deutschland eine Beschäftigung aufnehmen.

Es wird gesucht … 

… und 32 Prozent der Geflüchteten aus der Ukraine sind bereit, offene Stellen anzunehmen, die unterhalb ihrer Qualifikation liegen. Im erlernten Beruf sind bereits 42 Prozent tätig oder sie sind auf der Suche nach einem qualifizierten Job. Dieses Ergebnis zeigt eine Ifo-Institut-Umfrage unter 936 ukrainischen Geflüchteten auf. Von 16 Prozent der Befragten wurden die Möglichkeiten am deutschen Arbeitsmarkt einen Job zu finden, eher als gering eingeschätzt. Zehn Prozent hingegen sehen keine Perspektive oder zeigen kein Interesse daran, eine Arbeit aufzunehmen.

Ungefähr eine Million Geflüchtete wurden bis Juli 2022 registriert. Viele davon sind weitergereist oder in die Ukraine zurückgekehrt. Ein erheblicher Teil davon ist in einem nicht erwerbsfähigen Alter. Bei der BA waren im Juli 360.097 erwerbsfähig gemeldet und von diesen sind 176.160 als arbeitslos erfasst.

Tatyana Panchenko, eine Spezialistin am Ifo-Zentrum für internationalen Institutionsvergleich und Migrationsforschung, erklärte, dass die Geflüchteten aus der Ukraine zum größten Teil „hoch qualifiziert“ seien. So verfügen laut der Befragung 12 Prozent über eine abgeschlossene Berufsausbildung und 71 Prozent sogar über einen Hochschulabschluss.

Warum so häufig eine Arbeitsstelle gesucht wird, erklärt sich durch die Altersstruktur, denn 72 Prozent der Befragten sind zwischen 30 und 49 Jahre alt, während 11 Prozent zwischen 18 und 29 Jahre sind. Rund 93 Prozent der Befragten sind Frauen.

Das größte Risiko für den Arbeitsmarkt: der Stopp der Gaslieferungen 

Bei der Arbeitsmarktintegration stellt sich eine zentrale Frage: wie lange werden die Frauen bleiben? Der Umfrage nach wollen in den kommenden zwei Jahren 52 Prozent in Deutschland bleiben, während 46 Prozent in die Ukraine zurückkehren wollen. Lediglich zwei Prozent wollen in ein anderes Land weiterziehen.

Doch bereits Anfang Juli zeigte das Arbeitsmarktbarometer des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) eine düstere Vorahnung auf, denn dieses rutschte um 0,9 Punkte nach unten, auf 102,1 Punkte im Vergleich zum Juni.

Enzo Weber, Leiter der IAB-Forschungsbereich erklärte, dass die Beschäftigung weiter zunehme, trotz der wirtschaftlichen Verwerfungen als Folge des Ukraine-Krieges. Eine Komponente zeigt jedoch trotz steigender Beschäftigung darauf hin, dass die Arbeitslosigkeit bald steigen werden.

Weber warnte in einem Interview davor, dass ein möglicher Stopp der Gaslieferungen aus Russland ein gravierendes Risiko darstellt. Würde es dazu kommen, dann wird das zu Produktionsausfällen führen und sich auf den Arbeitsmarkt niederschlagen – vor allem in Hinsicht auf die Kurzarbeit.

Arbeitslosenzahlen sind weiter gestiegen

Trotz der weltweiten Krisen im August ist die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland nur gering gestiegen. Laut der BA waren zuletzt rund 2,54 Millionen Menschen arbeitslos und damit ist ein Anstieg im August von 77.000 zu verzeichnen – im Vergleich zum Juli. Im Vergleich zum August des Vorjahres sank die Zahl der Arbeitslosen um 31.000. Der Arbeitsmarkt ist robust trotz der wirtschaftlichen und politischen Unsicherheiten, erklärte die Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur, Andrea Nahles (SPD).

Zwar habe die Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung im August erneut stark zugenommen, als zu dieser Jahreszeit üblich, doch das wird von Nahles auf die fortlaufenden Erfassungen der ukrainischen Geflüchteten zurückgeführt. Denn diese werden nicht mehr über das Asylbewerberleistungsgesetz erfasst, sondern über die Grundsicherung. Eben dadurch tauchen sie in der Arbeitslosenstatistik auf.

887.000 Arbeitsstellen sind offen 

Weiterhin ist die Nachfrage nach Arbeitskräften auf einem hohen Niveau, wie bereits ein rascher Blick auf die Jobbörse Stellenonline.de mit über 1 Mio tagesaktuellen Jobs zeigt. Im August waren von den Unternehmen 887.000 freie Stellen bei den Arbeitsagenturen gemeldet und das sind 108.000 mehr als im Vorjahr. Von Oktober 2021 bis August 2022 hatten sich rund 408.000 junge Leute auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz bei der BA gemeldet. Das sind 13.000 weniger als im Vorjahr. Davon waren im August noch 112.000 auf der Suche gewesen und zugleich waren 526.000 Lehrstellen gemeldet – 20.000 mehr als vor einem Jahr. Im Augst waren davon noch 182.000 unbesetzt.

Von der BA wird davon ausgegangen, dass sich bis Ende September die Zahlen der unbesetzten Ausbildungsstellen und unversorgten Bewerber noch reduzieren wird.

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