Bezahlbarer Wohnraum ist eines der am hitzigsten diskutierten Themen im Jahr 2019. Was in den Großstädten vor einigen Jahren noch mit dem Kampf gegen Gentrifizierung verhindert werden sollte, trifft nun auch vermehrt Gutverdiener und Familien. Die Suche nach geeigneten Grundstücken und Objekten führt Suchende immer häufiger weg von den Innenstadtlagen und hin zu den Randbezirken, wo sich das Preisniveau dem der Szenekieze zunehmend angleicht. Die Folge sind regelrechte Bieterwettkämpfe um Sofortkaufoptionen, um aufwändigen Bewerbungsverfahren für Immobilien aus dem Weg zu gehen. Solche Szenen waren zuvor primär aus den begehrten Zentrallagen Berlins, Münchens und Hamburgs bekannt geworden. Für Bauwillige ist die Sicherung eines geeigneten Grundstücks jedoch nur einer von vielen Schritten, die auf dem Weg zur eigenen Immobilie gegangen werden wollen.
Wohnraum in Deutschland: Weniger Neubau, gestiegene Mieten
Trotz historisch niedriger Zinsen und politisch gesetzter Anreize nimmt die Zahl der Neubaugenehmigungen im Mietwohnungsbau im Vergleich zum Vorjahreszeitraum derzeit ab: Rund 2.000 Wohnungen weniger wurden zwischen Januar und April genehmigt, ein Großteil davon entfällt auf Eigentumswohnungen. Auch in der Bundeshauptstadt Berlin verzeichnet das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg mit rund 17.000 neuen Wohnungen deutlich weniger als die benötigten 30.000 Einheiten pro Jahr. Trotz des Verfehlens der selbst gesteckten Ziele erklärte Berlins Bausenatorin Katrin Lompscher (Linke) kürzlich, es sei „trotz komplizierter werdender Rahmenbedingungen gelungen, die Genehmigungszahlen auf hohem Niveau zu halten“.
Die so offenbarte Diskrepanz ist zentraler Bestandteil aktueller Hauptstadtdiskussionen zur Frage, wie sich auf dem Mietwohnungsmarkt eine langfristige Entspannung erreichen ließe. Der Zuzug aus dem Ausland sorgt für eine anhaltend hohe Nachfrage an neuem Wohnraum, dem schon seit Jahren kein ausreichendes Angebot gegenübersteht. Steigende Mieten und Kaufpreise für Wohnraum sind deshalb bereits gängiges Erscheinungsbild vieler Großstädte.
Straffes Projektmanagement im Bau kompensiert Preissteigerungen
Deutlich wird in Zeiten angespannter Wohnverhältnisse aber auch der Mehrwert zuverlässiger Baufirmen: Die Branche erfährt nach Jahren des Lohndumpings wieder eine gesteigerte Wertschätzung, gute Firmen stechen aus der Masse hervor. Doch der Weg zur Immobilie in Berlin bleibt sowohl für Investoren als auch für Privatiers unüberschaubar. Auch deshalb gehen die verschiedenen Akteure auf dem Immobilienmarkt verstärkt dazu über, Projekte gemeinsam in Joint Ventures zu realisieren. Tino Falkowski ist Geschäftsführer des mittelständischen Familienunternehmens Hochbau Falkowski und baut seit über 20 Jahren in der Bundeshauptstadt: „Partnerschaften sind in Zeiten angespannter Märkte unglaublich wichtig. Da gute Grundstücke teuer und schwerer denn je zu akquirieren sind, muss sich die Investition schneller rechnen als früher. Deshalb punktet, wer ein gutes Projektmanagement vorweisen und klare Konzepte präsentieren kann.“
Ob Mehrfamilienhaus, Studentenwohnheim oder ganze Apartmentkomplexe: Tun sich Bauträger und Geldgeber zusammen, lassen sich oftmals Synergien nutzen und die Kosten im Rahmen halten. So lässt sich vor allem der vielfach diskutierte bezahlbare Wohnraum realisieren. Während die Politik den Neubau mit langen Genehmigungsverfahren und zu wenig ausgewiesenen Bauflächen torpediert, reagiert die Privatwirtschaft mit Partnerschaften als Kompensationsmaßnahme. Nur so lassen sich für Investoren und Kunden zufriedenstellende Ergebnisse erzielen, bei denen alle beteiligten Parteien profitieren. Bis für den Neubau ein politischer Rahmen auf den Weg gebracht wird, bleibt die Suche nach geeignetem Wohnraum für immer breitere Gesellschaftsschichten eine Odyssey. Dank massiv gestiegener Bodenrichtwerte in A-Städten wie Berlin bleiben bezahlbare Flächen weiterhin rar und die Ausgaben für Bauherren und Bauträger gleichermaßen hoch.
Baubranche: Unbesetzte Ausbildungsplätze trotz optimistischer Zahlen
Wie angespannt der Markt aktuell ist, offenbart sich spätestens bei der Suche nach geeigneten Baufirmen: Der durchschnittliche Privathaushalt benötigt aktuell durchschnittlich bis zu 14 Wochen, um geeignete Handwerks- und Baufirmen mit ausreichend Kapazitäten im Auftragsbuch zu finden. Diese Entwicklung überrascht nicht: Trotz tendenziell weniger Vollzeitkräften im Baugewerbe überschlagen sich die Auftrags- und Umsatzzahlen der Branche – nicht nur aktuell, sondern auch in Prognosen für die nächsten Jahre. Für die Beschäftigten zeigt sich das vor allem in Form steigender Löhne und mehr Möglichkeiten bei der Wahl des Arbeitgebers.
Doch der Ansturm auf die Ausbildungsplätze bleibt bislang aus: Firmen selbst haben trotz voller Auftragsbücher mit Fachkräftemangel und ausbleibendem Nachwuchs zu kämpfen, das Image vieler Berufe ist nach wie vor ausbaufähig. Infolge dessen greift so mancher Betrieb zu ungewöhnlichen Methoden, um potentielle Mitarbeiter zu begeistern.
Land Berlin kauft 670 Wohnungen zurück
Infolge des öffentlichen Drucks sieht sich das Land Berlin derzeit gezwungen, den Bestand an Sozialwohnungen in der Hauptstadt zu vergrößern. Erst kürzlich beschloss der Senat deshalb den Kauf von 670 Wohnungen in der berühmten Karl-Marx-Allee – mit der Absicht, mehr sozialen Wohnraum bereitzustellen. Über die genauen Kosten des Deals, welche von Experten auf mindestens 4.000 Euro pro Quadratmeter geschätzt werden, schweigt sich die Rot-Rot-Grüne Landesregierung bislang jedoch aus. Auch deshalb forderte die Opposition kurz darauf eine Wirtschaftlichkeitsprüfung des Senatsbeschlusses.
Die Investition zeigt die Kosten der Privatisierungswelle aus den neunziger Jahren auf, im Zuge welcher zahlreiche Sozialwohnungen zur Schuldentilgung verkauft wurden. Unbestreitbar ist allerdings, dass durch die Investition in Bestandsobjekte kein neuer Wohnraum entsteht. Doch auch neuer, bezahlbarer Wohnraum realisiert sich nicht alleinig durch die Ausweisung geeigneter Landflächen: Bauauflagen, energetische Standards und gestiegene Preise treiben die Kosten, wodurch die Eigentümerquote der Mieternation Deutschland zusätzlich negativ beeinflusst wird. Zu Zeiten, in denen berufliche Flexibilität für Arbeitnehmer schnell auch einen Wohnortswechsel beinhalten kann, wird Bauen somit zum kostspieligen Langzeitwagnis, das besser gut überlegt sein will.

