Stadtschloss-Architekt: Tilgung von Kuppelkreuz aus Entwurf „inakzeptabel“

Der Architekt des Berliner Stadtschlosses, Franco Stella, hält eine Tilgung des Kuppelkreuzes aus seinem Entwurf für „inakzeptabel“. „Ich denke, dass die Architektur, nicht der `Sündenbock` der vermeintlichen `Sünden` ihrer Erbauer oder Nutzer sein darf: Nur sehr wenige Baudenkmäler der europäischen Stadt könnten vor dieser Beschuldigung bestehen“, schreibt Stella in einem Gastbeitrag für die „Welt“. Hintergrund ist die Debatte um die geplante Kuppelrekonstruktion des Berliner Stadtschlosses.

Der Berliner Senat sowie Politiker von Linkspartei und Grünen fordern, dass entgegen der ursprünglichen Pläne kein Kreuz auf der Kuppel errichtet werden soll. Andernfalls sei die weltanschauliche Neutralität des Humboldt-Forums, das in das Stadtschloss einziehen soll, in Gefahr. Der italienische Architekt Franco Stella hatte 2008 den Wettbewerb um die Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses gewonnen und anschließend den Auftrag zur Planung des Bauprojektes erhalten. Stella schreibt in seinem Gastbeitrag weiter, die Kuppel des Stadtschlosses sei auch ohne Kreuz insgesamt an eine christliche Formsprache angelehnt. „Was würde der Verzicht auf das Kreuz uns heute kommunizieren? Warum ist jene Kuppel, die mit ihrem gesamten Bildprogramm an eine christliche Kirche erinnert, ohne ein Kreuz? Eine antwortlose Frage.“ Der vollständige Verzicht auf alle Elemente des Schlosses, die nicht mit unserem Verständnis von Demokratie vereinbar seien, „würde zur Negation seiner Rekonstruktion führen“, so Stella weiter. „Und eine auf die Bilderwelt übertragene Idee des Respekts für alle Andersdenkenden könnte sehr leicht zu einer Art intellektueller, aufgeklärter Ikonoklastie der eigenen Geschichte gegenüber führen.“ Weiter weist Stella darauf hin, dass das Kuppelkreuz nicht, wie von Kritikern behauptet, als Dankesgeste nach der Niederschlagung der Revolution von 1848 erbaut worden sei. „Stattdessen war das Kreuz bereits im Entwurf Stülers zu einer überkuppelten Kapelle – die sich schon seit einigen Jahren im Bau befand – enthalten. Und eine Kuppel mit Kreuz war schon im 18. Jahrhundert im ursprünglichen Entwurf des Architekten Johann Friedrich Eosander zum westlichen Portal vorgesehen.“ Der Mit-Intendant des Berliner Humboldt-Forums, der Kunsthistoriker Horst Bredekamp, nahm das geplante Kreuz auf der Kuppel des Berliner Stadtschlosses gegen Kritik in Schutz. „Das Kreuz ist natürlich ein christliches Zeichen. Aber es symbolisiert ein Verständnis von Christentum, ein Bündnis zwischen Thron und Altar, das vergangen ist“, sagte Bredekamp der „Welt am Sonntag“. „Das Kuppelkreuz repräsentiert etwas, das es nicht mehr gibt. Es ist der aufgerichtete Zweifel an sich selbst.“ Der Berliner Senat sowie Politiker von Linkspartei und Grünen fordern, dass entgegen der ursprünglichen Pläne kein Kreuz auf der Kuppel errichtet wird. Andernfalls sei die weltanschauliche Neutralität des Humboldt-Forums, das in das Stadtschloss einziehen soll, in Gefahr. Bredekamp, der an der Berliner Humboldt-Universität lehrt, ist einer der berühmtesten Kunsthistoriker der Welt. Seit 2015 bildet er gemeinsam mit Neil MacGregor und Hermann Parzinger die Gründungsintendanz des Humboldt-Forums. „Der Widerstand gegen das Kreuz, gegen einen vor Jahren getroffenen Beschluss, Berlins Stadtschlosskuppel historisch zu rekonstruieren, trägt einen Zug von Ikonoklasmus“, so Bredekamp. Als Motiv für die Proteste vermutet er die Säkularisierung der Gesellschaft. „Berlin ist statistisch die religionsfernste Gemeinschaft auf der Welt. Hier sind etwa 80 Prozent der Menschen nicht religiös gebunden. Im Rest der Welt sind 80 Prozent religiös.“ Bredekamp betonte, die Auseinandersetzung um das Kreuz sei im Grunde nicht lösbar. „Ich habe viele Mails bekommen. Die überwiegende Mehrheit, ich will dies nicht bewerten, besagte sinngemäß: Wenn ihr das Kreuz nicht baut, seid ihr ein leise knackendes Rädchen der Kulturmaschine namens `Unterwerfung‘, wie Michel Houllebecq das in seinem Roman beschrieben hat.“ Egal, ob das Kreuz nun gebaut werde oder nicht, Protest werde es so oder so geben, so Bredekamp. „Jede Lösung wird Gegenreaktionen hervorrufen, unausweichlich.“

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