Studie: Keine Schädlichkeit von Agrarspekulation mit Indexfonds nachweisbar

Im November 2013 stellte die zivilgesellschaftliche Organisation Foodwatch ein Argumentationspapier vor, das der Fortführung einer zivilgesellschaftlichen Gemeinschaftskampagne gegen die Finanzspekulation mit Agrarrohstoffen dient. Darin vertritt Foodwatch die Ansicht, dass Indexfonds für die weltweite steigenden Lebensmittelpreise und damit den Hunger in armen Ländern verantwortlich sind. Mit einer kritischen Stellungnahme aus wissenschaftlicher Sicht reagieren IAMO-Direktor Professor Thomas Glauben und der Wirtschaftsethiker Professor Ingo Pies von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg auf diese Aussagen sowie auf die im Foodwatch-Argumentationspapier vorgenommenen Positionsänderungen und -korrekturen.
Bereits im Jahr 2012 haben Wissenschaftler des IAMO und der Universität Halle-Wittenberg auf der Grundlage einer wissenschaftlichen Auswertung von 35 empirischen Studien nachgewiesen, dass sich die Finanzspekulation auf das Funktionieren der Agrarrohstoffmärkte nicht nachteilig ausgewirkt hat. Vielmehr tragen die bekannterweise passiv gemanagten Long-only-Indexfonds dazu bei, die den Produzenten von Agrarrohstoffen zur Verfügung stehenden Versicherungsmöglichkeiten auszuweiten und so die Angebotsmenge positiv zu beeinflussen. „Die bisherigen Erkenntnisse sprechen dafür, dass der zivilgesellschaftliche Alarm als Fehl-Alarm einzustufen ist. Von einer grundlegenden Regulierung in Form von Positionslimits oder eines Verbotes von Indexfonds wird abgeraten“, so Thomas Glauben. Dieser fachlichen Einschätzung schlossen sich im Dezember 2012 in einem offenen Brief an Bundespräsident Gauck 38 Professorinnen und Professoren verschiedener Universitäten und Institute an. Weitere Forschungspublikationen, die gemeinsam vom IAMO, von der Universität zu Kiel und der Universität Halle-Wittenberg zu diesem Themenkomplex veröffentlicht wurden, kamen zum gleichen Resultat.
Auch eine im Auftrag von Foodwatch kürzlich erschienene Studie von Professor Hans-Heinrich Bass, Hochschule Bremen, konnte keinen wissenschaftlichen Konsens über die Schädlichkeit von Spekulationen mit Agrarrohstoffen feststellen. Die „erdrückenden Belege“, die Foodwatch für politische Regulierungsforderungen in Anspruch nimmt, konnten bis heute nicht vorgelegt werden. „Im Hinblick auf das moralische Ziel einer Bekämpfung des weltweiten Hungers ist die Argumentation von Foodwatch nicht nur nicht hilfreich. Sie ist sogar kontraproduktiv, denn sie lenkt die öffentliche Aufmerksamkeit weg von den wirklich relevanten Reformen“, befürchtet Ingo Pies.

Über das IAMO

Das Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Mittel- und Osteuropa (IAMO) widmet sich der Analyse von wirtschaftlichen, sozialen und politischen Veränderungsprozessen in der Agrar- und Ernährungswirtschaft sowie in den ländlichen Räumen. Sein Untersuchungsgebiet erstreckt sich von der sich erweiternden EU über die Transformationsregionen Mittel-, Ost- und Südosteuropas bis nach Zentral- und Ostasien. Das IAMO leistet dabei einen Beitrag zum besseren Verständnis des institutionellen, strukturellen und technologischen Wandels. Darüber hinaus untersucht es die daraus resultierenden Auswirkungen auf den Agrar- und Ernährungssektor sowie die Lebensumstände der ländlichen Bevölkerung. Für deren Bewältigung werden Strategien und Optionen für Unternehmen, Agrarmärkte und Politik abgeleitet und analysiert. Seit seiner Gründung im Jahr 1994 gehört das IAMO als außeruniversitäre Forschungseinrichtung der Leibniz-Gemeinschaft an.

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