Europa 660x330 - Umfrage: Europäer werden mobiler

Umfrage: Europäer werden mobiler

Erste Ergebnisse des Forschungsprojekts EUCROSS zeigen, dass im sozialen sowie im wirtschaftlichen Austausch zwischen den Bürgerinnen und Bürgern europäischer Staaten nationale Grenzen immer häufiger überwunden werden. Zwar lassen sich im Vergleich einzelner Ländern große Unterschiede feststellen, doch sind länderübergreife Aktivitäten insgesamt weit verbreitet. Die „Europäisierung der Europäer“ durch grenzübergreifende Aktivitäten ist stärker als vielfach wahrgenommen. Die Einigung Europas vollzieht sich nicht nur durch die Brüsseler Politik, sondern auch durch die sozialen Beziehungen und alltäglichen Aktivitäten der Europäerinnen und Europäer. Trotz der Eurokrise und der wachsenden Resonanz europaskeptischer Töne ist der Kontinent zum Lebenshorizont eines beachtlichen Teils der in der EU lebenden Menschen geworden. Billigflüge, grenzüberschreitendes Onlineshopping, virtuelle Auslandsfreundschaften, cross-nationaler Pendelverkehr, Ruhestandsmigration, Auslandsinvestments – die Liste der länderübergreifenden Verhaltensweisen und EU-weiten Aktivitäten, die EU-Bürgerinnen und -Bürger als Teil ihres alltäglichen Lebens ansehen, ist lang. Das EUCROSS-Forschungsprojekt, welches von der Europäischen Kommission im Zuge des siebten Forschungsrahmenprogramms gefördert wird (www.eucross.eu), hat eine telefonische Zufallsbefragung von 6.000 Bürgern in sechs EU-Mitgliedsstaaten (Dänemark, Deutschland, Italien, Rumänien, Spanien und Vereinigtes Königreich) durchgeführt, um den Umfang und die Tragweite dieser individuellen grenzübergreifenden Aktivitäten zu untersuchen. Entgegen dem gängigen Bild der mutmaßlich immobilen Europäer hat EUCROSS herausgefunden, dass einer von sechs Befragten mindestens drei Monate seines Lebens in einem anderen Land der EU verbracht hat. Außerdem haben 51% der Befragten in den letzten zwei Jahren ein anderes EU-Land bereist (Kurzbesuche inbegriffen). Die tatsächliche Dimension der grenzüberschreitenden Aktivitäten europäischer Bürgerinnen und Bürger zeigt sich allerdings nicht allein in physischer Hinsicht: So gaben fast drei Viertel der Befragten an, dass sie über das Internet oder per Telefon Kontakt mit Freunden und Verwandten im Ausland halten. Außerdem überwinden die Europäer auch im Rahmen ihrer wirtschaftlichen Aktivitäten zunehmend nationale Grenzen. Das trifft auf beinahe ein Drittel der EUCROSS-Stichprobe zu und bezieht sich unter anderem auf Online-Einkäufe, aber auch auf Geldüberweisungen in andere Länder – ein Phänomen, das möglicherweise durch die Eurokrise verstärkt wurde und dazu dienen könnte, Familienmitglieder und Freunde finanziell zu unterstützen oder eigene Ersparnisse zu schützen. Allerdings zeigen sich große Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern. So haben 73% der Dänen und 60% der Deutschen in den letzten zwei Jahren ein anderes EU-Land besucht – also beinahe doppelt so viele wie Spanier (42%), Italiener (42%) und Rumänen (35%). Längere Auslandsaufenthalte (d.h. für mehr als drei Monate) sind unter den Dänen und Rumänen üblicher als unter den Bürgerinnen und Bürgern aller anderen Länder. Im Hinblick auf virtuelle Grenzüberschreitungen ist die internationale Vernetzung der Italiener – via Telefon, E-Mail, Skype und sozialen Netzwerken (z.B. Facebook ) – am geringsten ausgeprägt: In den letzten 12 Monaten vor der Befragung hatten 32% von ihnen mit niemandem außerhalb ihres Landes kommuniziert. Dies war – nicht zuletzt aufgrund der vergleichsweise hohen Zahl migrierter Freunde und Familienangehöriger – nur bei 17% der Rumänen, aber auch bei lediglich 20% der Briten der Fall. Ein Drittel der Dänen und fast zwei Fünftel der Deutschen kaufen in anderen Ländern der EU online ein. In Italien, dem Vereinigten Königreich, Spanien und Rumänien ist dies dagegen weniger verbreitet. Grenzüberschreitende Arbeitsbeziehungen zu Personen in anderen EU-Ländern sind in Dänemark häufiger anzutreffen als in sämtlichen anderen untersuchten Ländern (bei 51% der befragten Dänen – doppelt so oft wie in Italien). Diese grenzenlosen Beziehungen werden besonders durch die Unionsbürgerschaft ermöglicht, welche die wichtigste Voraussetzung für länderübergreifende Aktivitäten innerhalb der EU ist. Die Frage ist allerdings, ob die Einbindung in Aktivitäten dieser Art auch die Quelle einer Solidarität ist, die eine gemeinsame Identität als „Europäer“ bestärkt. Vorläufige Analysen lassen darauf schließen, dass spezifische grenzübergreifende Aktivitäten innerhalb Europas (insbesondere das Konsumverhalten, die Vorliebe für die Küche anderer EU-Länder und die Vertrautheit mit anderen EU-Mitgliedsstaaten) mit einer stärkeren Identifizierung mit der Europäischen Union einhergehen können . Eine tiefergehende und detailliertere Analyse des Zusammenhangs zwischen den länderübergreifenden Erfahrungen und einer kollektiven Identität folgt in der nächsten Phase des Projekts. Diese Betrachtungen werden dann zudem durch die Analyse der Daten eines zusätzlichen Samples von je 1.250 rumänischen und türkischen Migranten sowie durch Ergebnisse zusätzlicher Tiefeninterviews mit ausgesuchten Teilnehmerinnen und Teilnehmern der EUCROSS-Umfrage erweitert. Die frühen Ergebnisse zeigen jedoch bereits das Ausmaß, in dem europäische Gesellschaften aufbauend auf dem grenzüberschreitenden Effekt der EU-Integration „von unten“ integriert werden. Die alltäglichen Vorteile der EU-weiten Bewegungsfreiheit und der gesellschaftsübergreifenden Vernetzung beeinflussen eindeutig nicht nur die europäischen Eliten, sondern auch einen großen Teil der EU-Bürgerinnen und -Bürger. Die europäische Unionsbürgerschaft und die Binnenmarktpolitik ermöglichen den freien Waren-, Dienstleistungs- und Personenverkehr in einem größeren Maße als es üblicherweise dargestellt wird. Interessanterweise werden diese wirtschaftlichen Vorteile gerade von jenen Gesellschaften – etwa der dänischen und der britischen – geschätzt, die den politischen Zielen der europäischen Integration weniger enthusiastisch gegenüberstehen. Die „Europäisierung der Europäer“ durch grenzübergreifende Aktivitäten ist stärker, als es sich die Europäer selbst eingestehen.

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